Wie lässt sich die Situation von Frauen in den Wissenschaften beschreiben? Zunächst einmal kann man feststellen, dass sich die Situation von Wissenschaftlerinnen im 20. Jahrhundert gewaltig geändert hat. Noch vor 100 Jahren hielt beispielsweise der berühmte Physiker Max Planck ein wissenschaftliches Engagement von Frauen für unnatürlich. Und wie denkt man heute darüber? Heute wird nicht mehr bezweifelt, dass Frauen genauso wie Männer gute Wissenschaft machen können. In der Frage jedoch, ob Frauen in ihrer Karriere als Wissenschaftlerinnen benachteiligt sind, gibt es keine Übereinstimmung. Ebenso unterschiedlich sind die Ansichten, wenn es darum geht, wer oder was den Frauen die Karriere erschwert.
Im folgenden sollen vier Faktoren dargestellt werden, die möglicherweise erklären, warum es für Frauen immer noch so schwierig ist, in der Forschung Karriere zu machen.
Von diesen vier Faktoren, durch die Frauen in ihrer wissenschaftlichen Karriere benachteiligt werden, scheint der zweite, nämlich das immer noch verbreitete Vorurteil, Forschungsarbeit und Familie seien unvereinbar, am schwerwiegendsten zu sein. Aber müssen sich Forschung und Familie wirklich gegenseitig ausschließen?
In anderen, nicht-wissenschaftlichen Berufen sind zwei familienfreundliche Beschäftigungsmodelle verbreitet, die auch für Forscherinnen immer wieder diskutiert werden: 1. Teilzeitbeschäftigung, d.h. eine reduzierte Arbeitszeit, 2. Erziehungsurlaub, das ist die Möglichkeit, sich zur Betreuung eines Kleinkindes eine Zeit lang vom Arbeitgeber beurlauben zu lassen.
Diese Modelle mögen je nach Situation und Forschungsgebiet der richtige Weg sein oder den Frauen wenigstens für kurze Zeit Erleichterung verschaffen. Keines dieser Modelle bietet aber eine wirkliche Lösung des Problems.
Gegen die Anwendung des Teilzeitmodells im Bereich der Forschung spricht, dass sich die Arbeit eines Wissenschaftlers in der Regel nicht auf eine bestimmte Stundenzahl reduzieren lässt. Denn Experimente und Beobachtungen zum Beispiel muss man selbst machen, und ein laufendes Experiment kann in der Regel nicht nach einer bestimmten Stundenzahl unterbrochen oder gar abgebrochen werden. Beobachtungen können bei einem laufenden Experiment nicht einfach auf den nächsten Arbeitstag verschoben werden. Diese Beispiele zeigen, dass eine Teilzeitarbeit in vielen Forschungsbereichen unmöglich ist.
Und wie sieht es mit dem zweiten Modell aus, dem Erziehungsurlaub? Hier lässt sich einwenden, dass längere Berufsunterbrechungen für Forscherinnen eine problematische Sache sind. Man nimmt an wichtigen Entwicklungen und Diskussionen in der Forschung nicht mehr teil und verliert den Anschluss an die aktuelle Forschung. Außerdem besteht die Gefahr, dass ein Teil der bereits erworbenen Kenntnisse in der Zwischenzeit nutzlos geworden ist.
Auch wenn nicht zu erwarten ist, dass sich die Situation der Frauen in der Wissenschaft in nächster Zukunft grundlegend verbessern wird, sollen zum Schluss vier Wünsche vorgetragen werden, die eine erfolgreiche Forscherin, die Medizin-Nobelpreisträgerin des Jahres 2002, geäußert hat. Sie sagte: „Mein erster Wunsch geht an die Frauen: Ich wünsche mir, dass Frauen mehr Mut haben, Leitungsfunktionen zu übernehmen. Mein zweiter Wunsch richtet sich an die Männer: Ich wünsche mir, dass Männer als Vorgesetzte die Kompetenz von Frauen fair und objektiv einschätzen. Ich wünsche mir weiterhin, dass es endlich auch in Deutschland selbstverständlich ist, seine Kinder den ganzen Tag in Kindergärten und Schulen betreuen zu lassen. Und als letztes: viel mehr Verständnis und Einfühlungsvermögen in Gesellschaft und Politik für die schwierige Situation der Frauen.“
6191 Zeichen mit Leerzeichen bearbeitet nach: Christine Nüsslein-Vollhard: „Mehr Frauen an die Forschungsfront“, in: Die Zeit, Nr. 22, 23.05.2002, S.36.
1. Kreuzen Sie bei den folgenden Aussagen die richtige Lösung an:
2.1. Was bedeutet es für die Karrierechancen von jungen Wissenschaftlerinnen, dass es zu wenige Frauen in der Forschung gibt? Antworten Sie jeweils in Stichworten:
2.2. Welche Schlussfolgerung wird daraus gezogen?
3. Selbstbewusstes Auftreten von Männern und Frauen in leitenden Positionen wird in dem Text unterschiedlich bewertet. Wie? Antworten Sie in Stichworten:
4. Wie werden nach schwedischen Untersuchungen Redebeiträge und schriftliche Arbeiten von Frauen im Vergleich zu denen von Männern beurteilt? Kreuzen Sie an.
5. Durch welches Vorurteil wird die Karriere von Wissenschaftlerinnen am meisten erschwert? Antworten Sie in Stichworten.
6. Geben Sie wieder, was im Text zu dem Modell der Teilzeitbeschäftigung im Bereich der Forschung gesagt wird. Schreiben Sie einen zusammenhängenden Text.
7. Nennen Sie drei der fünf Wünsche, die die Medizin-Nobelpreisträgerin äußert:
„Was sollten Kinder in der Schule unbedingt lernen?“. Ende der 90er Jahre wurde diese Frage ostdeutschen und westdeutschen Bundesbürgern gestellt. Nach Meinung der Befragten waren folgende Lernziele besonders wichtig, wobei mehrere Lernziele gleichzeitig genannt werden konnten (alle Angaben in Prozent):
| 1 | In früheren Jahrhunderten bediente man sich zur Bestimmung der Tageszeit |
| 2 | einer ebenso einfachen wie intelligenten Methode: Mittag war es, wenn der |
| 3 | Stab der Sonnenuhr keinen Schatten mehr warf. Da die Sonne jedoch nicht |
| 4 | überall zur gleichen Zeit ihren höchsten Stand erreicht, hatte jede Stadt, die |
| 5 | etwas auf Zeitplanungen hielt, ihre eigene Zeit. Solange Reisende zu Fuß |
| 6 | oder allenfalls in der Kutsche unterwegs waren, störte das nicht weiter. Erst |
| 7 | als die Eisenbahn das von immer mehr Reisenden benutzte Verkehrsmittel |
| 8 | wurde, wurde die lokale Vielfalt zur Last. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es |
| 9 | in Amerika 144 amtliche Zeiten, und die verschiedenen |
| 10 | Eisenbahngesellschaften richteten ihre Fahrpläne nach der Ortszeit des |
| 11 | jeweiligen Unternehmenssitzes aus. Reisende, die in den Zug einer anderen |
| 12 | Gesellschaft umsteigen wollten, mussten die Zeiten der Fahrpläne |
| 13 | umrechnen. Dazu hingen in jedem Bahnhof Uhren, die die Zeiten der |
| 14 | verschiedenen Gesellschaften anzeigten, die den Bahnhof anfuhren. Und um |
| 15 | die Ankunftszeit zu erfahren, musste man die Gesellschaftszeit wiederum in |
| 16 | die lokale Zeit des Zielbahnhofs umrechnen. |
| 17 | Es war eine Situation, die nach Veränderung und Verbesserung verlangte. |
| 18 | Doch es war ein langer Weg, bis es den Weltmächten gelang, sich auf eine |
| 19 | verbindliche Weltzeit zu einigen. Eine besondere Rolle spielte dabei der |
| 20 | 1827 in Schottland geborene und in jungen Jahren nach Kanada |
| 21 | ausgewanderte Landvermesser und Eisenbahningenieur Sandford Fleming. |
| 22 | Der baute nicht nur Eisenbahnstrecken, er litt als Reisender auch selbst |
| 23 | unter den chaotischen Zeitverhältnissen. Im Juni 1876 verpasste der |
| 24 | Chefingenieur für die größten Eisenbahnbauvorhaben Kanadas auf dem |
| 25 | Bahnhof des irischen Ortes Bandoran seinen Zug - allerdings nicht, weil er |
| 26 | sich beim Umrechnen der Zeiten vertan hätte, sondern weil auf dem |
| 27 | Fahrplan fälschlich p.m. statt a.m.* angegeben war. Noch so ein irrationaler |
| 28 | Unsinn: den Tag in zweimal zwölf Stunden aufzuteilen, als könne man nicht |
| 29 | bis 24 zählen. |
| 30 | Flemings Ärger über dieses Missgeschick war so groß, dass er seitdem nur |
| 31 | noch ein Ziel vor Augen hatte, auf das er nun mit Eifer hinarbeitete: die |
| 32 | Einführung einer einheitlichen Weltzeit. Doch um dieses Ziel zu erreichen, |
| 33 | mussten erst einige Probleme aus dem Weg geräumt werden. Schon die |
| 34 | Frage, wann ein Tag überhaupt beginnt, sorgte für Konflikte. Die |
| 35 | Astronomen plädierten dafür, den Tagesanfang auf den Mittag festzulegen, |
| 36 | weil sie eine Störung ihrer nächtlichen Beobachtungen durch den |
| 37 | Datumswechsel verhindern wollten. Auch nationale Eitelkeiten spielten eine |
| 38 | Rolle. So stritt man sich darum, welcher Längengrad* als Nullmeridian* |
| 39 | gelten sollte. Wissenschaftlich gesehen sind alle Längengrade gleich, und |
| 40 | tatsächlich gab es um 1870 nicht weniger als zehn amtliche Nullmeridiane, |
| 41 | die alle durch Tradition und Nationalstolz verankert waren. Einige wollten |
| 42 | deshalb nicht einsehen, warum sie Greenwich, einen Vorort von London, als |
| 43 | Nullmeridian akzeptieren und damit den Engländern den Vorzug geben |
| 44 | sollten. Um den nationalen Empfindlichkeiten entgegenzukommen, ersann |
| 45 | Fleming unter anderem die Idee eines „Anti-Nullmeridians“, der nicht durch |
| 46 | Greenwich, sondern - genau entgegengesetzt - durch den Pazifik laufen |
| 47 | sollte. So würde kein Land durchschnitten, keine Nation bevorzugt, und |
| 48 | dennoch könnte man die weitverbreiteten und geschätzten an Greenwich |
| 49 | ausgerichteten Karten beibehalten. |
| 50 | Die "Zähmung der Zeit" erforderte vor allem Überzeugungsarbeit und |
| 51 | Diplomatie. 1884 gelang schließlich auf einer Konferenz die Einigung. |
| 52 | Neunzehn der fünfundzwanzig damals von Amerika als „zivilisiert“ |
| 53 | anerkannten Nationen hatten Vertreter geschickt, Fleming gehörte als |
| 54 | Bürger des nicht anerkannten Kanada ehrenhalber zur englischen |
| 55 | Delegation. Als der Antrag „Greenwich ja oder nein“ zur Abstimmung |
| 56 | gelangte, verweigerten vor allem die Franzosen lange ihre Zustimmung, |
| 57 | bevor sie endlich akzeptierten. Vereinbart wurde außerdem, dass der Tag |
| 58 | um Mitternacht beginnen sollte, sowie die Einrichtung der Zeitzonen |
| 59 | entsprechend den Längengraden. Die Einführung einer verbindlichen |
| 60 | Weltzeit war damit beschlossene Sache. Vor allem Eisenbahn und Telegrafie |
| 61 | trugen dazu bei, sie durchzusetzen. |
(Quelle: SZ 23.4.2001; gekürzt und bearbeitet)
*Worterklärungen:
| Ja | Nein | Text sagt dazu nichts | |
|---|---|---|---|
| 1. In früheren Jahrhunderten benutzten viele Städte auch innerhalb ein und desselben Landes verschiedene, voneinander abweichende Zeitrechnungen. | |||
| 2. Mit Hilfe von in Bahnhöfen angebrachten Uhren hatten Reisende in Amerika die Möglichkeit, die unterschiedlichen Zeiten der verschiedenen Eisenbahngesellschaften umzurechnen. | |||
| 3. Die Einteilung des Tages in zweimal zwölf Stunden war eine vernünftige Maßnahme, damit die Zeitrechnung nicht zu kompliziert wurde. | |||
| 4. Von seiten der Astronomen plädierte man für eine Fixierung des Tagesanfangs auf den Mittag, um die Möglichkeit zur Forschung in der Nacht nicht zu beeinträchtigen. | |||
| 5. Nationale Eitelkeiten waren ein Grund dafür, dass die Einführung einer einheitlichen Weltzeit erst nach langwierigen Auseinandersetzungen zustande kam. | |||
| 6. Durch den Verlauf des von Fleming vorgeschlagenen „Anti-Nullmeridians“ sollten die alten, bisher gebräuchlichen Karten überflüssig gemacht werden. | |||
| 7. Die Franzosen wollten Greenwich als Nullmeridian nicht akzeptieren, weil sie einen durch ihr eigenes Land verlaufenden Nullmeridian haben wollten. | |||
| 8. Die Amerikaner vertraten im Konflikt um Greenwich eine neutrale Position. |
1. Was bedeutet der Begriff „lokale Vielfalt“ (Z. 8) in diesem Zusammenhang?
2. An welchen beiden Beispielen werden die chaotischen Zeitverhältnisse bei Eisenbahnreisen im 19. Jahrhundert illustriert?
3. Warum nahm Fleming nicht als kanadischer Delegierter, sondern als Mitglied der englischen Delegation an der Konferenz von 1884 teil?
1. In früheren Jahrhunderten bediente man sich zur Bestimmung der Tageszeit einer ebenso einfachen wie intelligenten Methode.
In früheren Jahrhunderten bediente man sich , ____________________________ _________________________________________________ , einer ebenso einfachen wie intelligenten Methode.
2. Erst als die Eisenbahn das von Reisenden immer häufiger benutzte Verkehrsmittel wurde, wurde die lokale Vielfalt zur Last.
Erst als die Eisenbahn das Verkehrsmittel wurde , ______________________________ _____________________________________________________________ , wurde die lokale Vielfalt zur Last.
3. Die Astronomen plädierten dafür, den Tagesanfang auf den Mittag festzulegen . Die Astronomen plädierten für ______________________________________________ ______________________________________________________________________.
4. Neunzehn der fünfundzwanzig damals von Amerika als “zivilisiert” anerkannten Nationen hatten Vertreter geschickt. Neunzehn der fünfundzwanzig Nationen , ____________________________________ _____________________________________________________________________ , hatten Vertreter geschickt.
5. Vor allem Eisenbahn und Telegrafie trugen dazu bei, eine verbindliche Weltzeit durchzusetzen. Vor allem Eisenbahn und Telegrafie leisteten einen Beitrag _____________________ ___________________________________________________________________ .
1. Z. 6: "Solange Reisende zu Fuß oder allenfalls in der Kutsche unterwegs waren, störte das nicht weiter." Worauf bezieht sich "das"?
2. Z. 19: "Eine besondere Rolle spielte dabei ..." Worauf bezieht sich “dabei"?
3. Z. 24/25: Wer ist mit "der Chefingenieur für die größten Eisenbahnvorhaben Kanadas" gemeint?
Diese Musterprüfung stammt aus dem Studienkolleg der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.